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Gitterwelten - Das Leben hinter Gittern

Angehende Sozialbetreuer interviewten den bekannten Gefängnisseelsorger Hans Lyer der JVA Ebrach

im Unterrichtsprojekt: Wie muss Strafe sein?

 

 

Der Gefängnisseelsorger Hans Lyer ist seit 19 Jahren in der JVA Ebrach ., das sind 4 Jahre mehr als „lebenslänglich“.Er sprach Klartext vom Leben in der Justizvollzugsanstalt. In jedem schlummern neben den Fähigkeiten zum Guten die Wurzeln zum Bösen, ist sich Hans Lyer sicher. In seiner Arbeit blickt er täglich in menschliche Abgründe, trifft auf „Abgestürzte“, sieht, „wozu der Mensch fähig ist“, wie er sagt. Doch hinter Gittern spielt die Konfession keine Rolle. Nichts von den regelmäßigen Einzelgesprächen bei einer Tasse Kaffee hält er in Akten fest. Es gilt das Beichtgeheimnis.

Die rund 350 Insassen der JVA Ebrach haben keine einfache Vergangenheit hinter und schon gar keine rosige Zukunft vor sich.Die jugendliche Straftäter im Alter zwischen 17 und 25 Jahren sind im der JVA Ebrach untergebracht und verbüßen hier lange Haftstrafen wegen Drogenkriminalität, Gewaltverbrechen bis hin zu Tötungsdelikten. Sie müssen sich – nun unfreiwillig – den strengen Regeln des Hauses unterordnen. Der Tag beginnt um 6 Uhr mit Wecken und frühstücken.. Um sieben Uhr gehen die meisten Gefangenen (etwa 2/3) zu ihrer Arbeit. Für den Rest heißt es, in der Zelle bleiben, mit Ausnahme einer Stunde Hofgang. Es besteht auch die Möglichkeit eine Lehre zu machen, zum Beispiel als Schlosser, Bäcker, Gärtner oder Maler.Auch Schulabschüsse können nachgeholt werden. Der Arbeitslohn (ca. 150 Euro im Monat) wird zum Teil zurückgelegt als Startgeld bei der EntlassungUm halb fünf „rücken“ alle wieder ein, das heißt, zurück in die 8 Quadratmeter große Zelle. Abends gibt es Gemeinschaftsfernsehen. Und um 21 bis 21.30 Uhr folgt der Einschluss in die Zelle. Sie dürfen nur vier Stunden pro Monat Besuch empfangen.. Weg von der Freundin, der Familie und Heimat ist der Seelsorger nahezu die einzige Vertrauensperson. Abwechslung in diesem fest organisierten Tagesablauf bieten Sportmöglichkeiten. Einmal im Monat kann man im Gefängnis von seinem Lohn einkaufen.Das Geld wird oft gleich in Tabak und Kaffee umgesetzt. Doch bevor die Gefangenen mit ihren Waren wieder in ihren Zellen angekommen sind, ist einigen ein Teil davon gleich abhanden gekommen, denn im Gefängnis herrscht eine Hackordnung, bei der die „Schwachen“ von den „Bossen“ beklaut und erpresst werden, so Hans Lyer.

Viele werden rückfällig

Er bedauert dieses Verhalten, aber er fühlt auch mit den straffällig Gewordenen, die meist aus schwierigen Verhältnissen stammen und selbst oft Opfer von Gewalt und Unterdrückung wurden. Schon mit 12 Jahren geraten die meisten auf die schiefe Bahn: Sie probieren Drogen aus und um diese finanzieren zu können, beginnen sie mit Diebstählen und Gewalt. Tatsächlich hat jeder zweite Strafgefangene Erfahrung mit Drogen. Oftmals ist die Familie zerrüttet, die Väter sind nicht selten Alkoholiker und gewalttätig.

Er weiß auch, dass sehr viele Inhaftierte rückfällig werden. Von fünf Entlassenen werden drei rückfällig – eine erschreckende Zahl. Und doch ist Hans Lyer davon überzeugt, dass seine Arbeit Sinn macht und freut sich über jeden, der den Weg zurück in die Gesellschaft findet.

Hans Lyer führt mit etwa 50 Gefangenen regelmäßig Einzelgespräche. „Für viele ist es eine neue Erfahrung, dass da jemand ist, der sich ernsthaft an ihnen interessiert ist und versucht, zu ergründen, was hinter der Fassade des bösen Jungen steckt. Viele kennen das Gefühl nicht, weil sie von Kindheit an schlecht behandelt wurden“, so der Seelsorger. Er nimmt sich Zeit für sein Gegenüber.

Im Abstand einiger Wochen organisiert der Anstaltsgeistliche eine Schreibwerkstatt. „Die Zeit in Haft tat mir gut, hat mir die Einstellung, das Leben in Freiheit zu schätzen, mitgegeben bei meiner Entlassung“, steht in einem Brief von Gökhan. Er ist im Buch „Gitterwelten“ veröffentlicht, das im Rahmen dieses Schreibprojekts entstanden ist.

Die pyrotechnischen Ebracher Osterfeuer finden in den Medien große Beachtung .

Daneben setzt der in seiner Freizeit passionierte Feuerwerker auf die Kunst. In der Anstaltsschlosserei bauen die Gefangenen mit zwei Künstlerinnen gerade an einem riesigen Turm. Ihr „Turmbau zu Babel“ wird mit Bildern von Drogen, Alkohol, Gewalt, unersättlichem Reichtum und anderen Problemen verkleidet. Am Ostersonntag im Rahmen des „Ebracher Osterfeuers“ taucht der Turm mit pyrotechnischen Effekten in ein Feuerwerkslicht ein. Er sieht hinter dem Projekt auch einen biblischen Ansatz
Das Gleichnisführt die Grenzen und die Sucht der Menschen immer höher und höher hinaus zu wollen vor Augen.Wie der an Ostern aus dem Tod auferweckte Christus sollen am Ostersonntag die „abgestürzten“ Häftlinge der JVA in Ebrach symbolisch nicht länger ihren Irrwegen nachlaufen und wieder festen Boden unter die Füsse bekommen.

Hans Lyer glaubt an einen „Gott der Gnade.

Der Mensch darf nicht auf sein Verbrechen reduziert werden.“

Dennoch, von der Schuld befreien kann und will er niemand. Er will, dass die jungen Männer sich an ihrem Verbrechen „abarbeiten“. Sie haben sich schuldig gemacht. „Versöhnung und Vergebung kann es nicht geben hinter dem Rücken der Opfer“, sagt Lyer. Es gehe nicht darum, die Strafe abzusitzen, sondern die Tat aufzuarbeiten.

Unter seiner Aufgabe als Seelsorger versteht er die Rolle eines Begleiters, der den Jugendlichen nicht nur auf dem oft langen Weg bis zur Entlassung beistehen möchte, sondern auch dabei, Zugang zu sich selbst zu finden. „Sie haben die Zeit und die Freiheit, am Ort der Unfreiheit über das Vergangene zu reflektieren“, beschreibt Lyer.

Wir bedankten uns bei Pfarrer Lyer mit einem Kaffee-Paket für seine Gefängnisarbeit.

Klasse SOZ 10